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Neustaat war gestern

Portugals Demokratie ist wachsam. Faschisten haben es schwerer als in Deutschland. Deutsche Nazis können sich von den schlimmsten Verbrechen einfach distanzieren, zum Beispiel vom Holocoust. Trotzdem können sie ihre faschistische Identität beibehalten. Einschließlich ihres völkischen Größenwahns. Portugiesiche Faschisten haben es da schon schwerer. Denn der portugiesiche Faschismus wurde von einem eiskalten neoliberalen Ökonomen geführt. Nämlich von António de Oliveira Salazar, einem Ehrendokter der Universität von Oxford.

Neoliberale Staatspolitik

Salazar verordnete dem Land einen strengen Sparkurs . Stabilität der Währung liebt die Oberschicht, die wir heute gerne Oligarchen nennen. Auch lieben nationale Oberschichten den Schutz vor Konkurrenz aus dem Ausland. Aufsteiger Salazar lieferte ihnen genau das. Aber das Volk zahlte die Rechnung. Das ist so üblich bei den völkischen Soldaten.

„Ein gebildetes Volk lässt sich nicht regieren“, soll Salazar verkündet haben.* So sah dann auch die Gesellschaft aus. Ein Drittel Analphabeten. Es ist klar, dass dieses Drittel der Gesellschaft in Armut lebte.

Wandbild in Ferreira
„Ein Volk das singt, wird nicht sterben!“ Michel Gioacometti zeigte 1970 in seiner Fernsehserie über das portugieische Volkslied auch die soziale Lage des Volkes.

Heute auf dem Weg zurück

Landarbeiter bekamen, was heute Einwanderer in EU-Staaten bekommen. Erntehelfer aus Marokko in Spanien. Oder Schlachthof-Arbeiter aus Bulgarien bei Tönnies in Deutschland: Hungerlöhne, krank machende Unterkünfte , unwürdige Arbeitsbedingungen, mangelhafte Sozialleistungen.

Der portugiesiche Faschismus, Salazars „Neustaat“, dient denn auch den neuen deutschen Eliten als sprachliches Vorbild. Zum Beispiel https://neustaat.jetzt/ Ein Schelm, wer Böses dabei dächte. Nein böse sind sie nicht unsere deutschen Plappermäuler. Sie finden sich nur kreativ und witzig. Und sie tapsen in die sprachlichen Fußstapfen ihrer faschistischen Vorgänger.

Nicht so in Portugal

Portugals Demokratie ist aber wachsam. Dort wählte 2015 das inzwischen gebildete Volk den eiskalten Sparkurs ab. 2019 legten Sozialisten und Kommunisten noch einmal zu. Der konservativen Block verlor 48 von 132 Mandaten. Das konnte die nationalistische, monarchistische Partei Chega! (Genug!) nicht auffangen. Chega hat nur einen Abgeordneten (genug!), einen neoliberalen Professor wie AfD-Gründer Lucke.

Vermutlich steckt zu vielen Menschen die Diktatur der lokalen Oligarchen noch stärker in Erinnerung. Deshalb können die Geburtshelfer des Faschismus nicht punkten. Umfassende Bildung und umfassende soziale Teilhabe sind die Grundvoraussetzungen für eine demokratische Republik. Das singende Volk kann überleben.

Jungle World über Portugals Neufaschos

Die kritische Wochenzeitung Jungle World hat kürzlich einen ausführlichen Hintergrund zu den Neofaschos in Portugal veröffentlicht. Der freie Korrespondent Jan Marot schildert die Hintergründe der rechtspopulistischen Chega-Partei und ihre Verbindungen zur faschistischen Szene in Portugal. Link zum Artikel

* So sagte die portugiesische Kommunistin Odete Santos. Das zitiert Franz Lenze im Merian-Heft über Portugal. Der Artikel heißt: „Der Star des Bösen“, gemeint ist Salazar.
Noch müssen wir uns auf Quellen in deutscher Sprache beschränken, wir hoffen, es wird bald anders: Hoffnung