Links-Populist

Linke tun sich oft schwer, den populistischen Sprücheklopfern etwas entgegen zu setzen. Vitorino Silva kann das. Der ehemalige PS-Lokalpolitiker aus Rans versucht sich im TV-als Container-Darsteller als Tino de Rans. Jetzt kandidiert er für die Präsidentschaft.

In der Fernsehdebatte gegen den rassistischen Rechtskandidaten zeigte er sein Talent. Er schenkte dem glatt Rechtpopulisten einen Haufen Kieselsteine, die er an der portugiesischen Küste eingesammelt hatte. Alle Steine hätten eine andere Farbe. So sei das auch bei den Menschen, die Portugal ausmachten. Im Gegensatz zum rechtspopulistischen Gröfaz wolle er ein Präsident für alle Portugiesen sein.
Info über die ernsthafteren Kandidaten.
Zu den aktuellen Umfragen.

Leipziger Buchmesse

Portugal ist das Gastland der Leipziger Buchmesse 2021. Ein Glück für uns, die wir das Land genauer kennen lernen wollen. Zumindest mehr wissen wollen als die nackte Historie oder als Reiseführer-Wissen. In den Bibliotheken finden wir vorwiegend Saramago oder Antunes. Das ist schön, aber wir wollen ja in der Gegenwart leben, und die wandelt sich rasant.

Mir hat zum Beispiel das Buch Wohin der Wind uns weht von João Ricardo Pedro (O Teu Rosto Será o Último) geholfen, die Vergangenheit neu einzuordnen. Das nationale Trauma der portugiesischen Diktatur ist gänzlich anders als das deutsche. Klingt trivial? Ist es aber nicht. Portugal hat sich im Zweiten Weltkrieg neutral verhalten, Deutschland hat keinen Kolonialkrieg geführt. Das ist nur ein Beispiel, das vielleicht das Interesse weckt, mehr Unterschiede zu entdecken. Pedros Buch hat mir dabei geholfen, das Trauma in einer portugiesischen Familien nachzufühlen.

Hoffentlich gibt es auf der Buchmesse viele aktuelle Titel zu entdecken. Noch mackt die Webseite der Buchmasse ganz schön. Schaut öfter mal rein. Das portugiesische Kulturzentrum der Botschaft unterhält einen facebook– und einen twitter-Kanal, die ich hier verlinkt habe. Auch auf facebook entfallen die gruseligen Übersetzungen von bing, weil Camões Berlim selber deutsche Posting macht.

Am 25.12.2020 brachte Deutschland Radio Kultur in kultur heute einen Beitrag von Holger Heimann über das Buchland Portugal: https://srv.deutschlandradio.de/themes/dradio/script/aod/index.html?audioMode=2&audioID=4&state[launchMode]=4&state[launchModeState][suche][searchTerm]=Buchland+Portugal
Der Beitrag wurde in den letzten Wochen dann auch in den regionalen Sendern im öffentlich-rechtlichen Rundfunk gesendet.

Anti-Fascho-projekt von SIC

Der führere PSD-Premierminister Pinto Balsemão betreibt den privaten TV-Sender SIC. Der Nachrichtenkanal SIC noticias analysiert finanziert von der Gulbenkian Stiftung die heutige faschistische Bewegung in Europa, speziell in Italien, Frankreich, Spanien und Portugal. Im Februar 2012 soll das multimediale Projekt veröffentlicht werden.
Derzeit ist eine Sammlung von Berichten über die EU-feindlichen rechten Strömungen unter diesem Link dokumentiert.

Die Gulbenkian-Stiftung durchläuft seit 2018 einen Prozess der Erneuerung. Die Stiftung hat ihre Geldanlagen in das Erölgeschäft verkauft. 2020 wurde zum ersten Mal der Preis für Menschlichkeit vergeben. Als Menschlichkeit (humanidade) zählen an dieser Stelle innovative Beiträge für Klimaschutz.

Bäuerliche Landwirtschaft

Die Confederação Nacional da Agricultura (CNA) ist die Organisation der bäuerlichen Familienbetriebe in Portugal. Sie engagiert sich auch in allen internationalen Kamapgnen für Ernährungssouveräniät Nyeleni (Via Campesina) und Solidarische Landwirtschaft URGENCI. Die CNA unterhält das Infoportal http://www.inforcna.pt mit umfangreichen Infos über Landwirtschaft, EU-Politik und die internationalen Beziehungen des Verbands.

Danke, Herr Jesus

Die eigene Philosophie ist Privatsache. Andere Menschen dürfen glauben, was sie möchten. Das Leben der Menschen in Portugal heute, erscheint mir schön. Um so mehr wundern mich entrüstete Kommentare wie: „Nach Portugal wollt Ihr? Das ist doch viel zu katholisch.“ Was sagt uns dieses Vorurteil? Im deutschen Wikipedia gehört die Religionsangabe für jedes Land zum Standard. Im portugiesischem Wikipedia nicht. So laizistisch denken die Wikis in beiden Ländern. Denkpause!

Die Zahlen über Portugal sind im deutschen Wikipedia falsch recherchiert (so zwischen 85 und 95%, lautet die präzise Angabe. Stand: 17.12.20). Ich habe beim Statistik-Institut INE nachgeschaut, danach haben 81% der Portugiesen über 15 Jahre angegeben, katholisch zu sein. Rund 15% sind areligiös oder schweigen zu der Frage, so wie ich das tue. Muss ich mich jetzt fürchten?

Die Ladenöffnungszeiten sind liberaler als in Deutschland. Die Abtreibungsregeln wie bei uns. Gefeiert wird auch. Prozessionen wie in Bayern. Im Algarve und Alentejo haben wir als Weihnachtsschmuck in den Straße meistens ‚Boas Festas‘ gelesen, und seltener ‚Feliz Natal‘. Und selbst in Viana do Castelo hat sich der Umweltschutz gegen den größten Weihnachtsbaum Europas durchgesetzt. Und wenn einer im Radio ‚Danke Jesus‚ singt, dann meint der Brasilianer den portugiesischen Fußballtrainer Jorge Jesus. Denn o senhor Jesus lebt in Portugal also wirklich!

Na gut! So laizistisch wie Wikipedia ist Portugal nun auch wieder nicht. Jede Gemeinde hat ihren Heiligen. Vila do Bispo keinen geringeren als den Heiligen Vinzenz von Valencia (São Vicente de Saragoça), dem Schutzheiligen der ganzen Nation. Und wie jede Gemeinde ihren eigenen Feiertag, den 22. Januar, da geht’s dann um den Heiligen. Der war übrigens mal in Sagres aufbewahrt worden, aber Sagres hat eine andere Schutzheilige.

Wahl der Präsidentin 2021

Anfang Dezember erklärte der amtierende Präsident Marcelo Rebelo de Sousa, für eine zweite Amtsperiode zu kandidieren. Der frühere Vorsitzende der PSD ist seit der Nelkenrevolution bei der PPD/PSD und bezeichnet sich selbst als Linken bei den Rechten. Als Kritiker des zügellosen Neoliberalismus arbeitet er konstruktiv mit der sozialistischen Regierung seines ehemaligen Studenten zusammen, schreibt das Nachrichtenprotal noticiasaominuto.com .

Nach den ersten Umfragen hat die sozialistische Partei PS kaum Chancen, den konservativen Präsidenten Marcelo Rebelo de Sousa abzulösen. Marcelo liegt mit über 60% vor Ana Gomes als PS-Kadidatin. Sie war von 2004 bis 2019 Europaabgeordnete ihrer Partei. Die frühere Diplomatin wird von LIVRE, der Partei der internationalen Diem25-Bewegung und von der Tierschutzpartei PAN unterstützt. Sie liegt in den Umfragen bei 13%.

Für den Bloco da Esquerda (BE) bewirbt sich Marisa Matias, genauer: Marisa Isabel dos Santos Matias (Jahrgang 1976). Sie erhielt bei der Präsident*nnenwahl 2016 beachtliche 10,12 % der Stimmen, die jetzigen Umfragen trauen ihr 7% zu . Die anderen Parteien des BE hatten 2016 den prominenten Professor António Manuel Seixas Sampaio da Nóvoa aufgestellt, der 22,9% der Stimmen bekam.

Die traditionelle kommunistische PCP kandidiert João Manuel Peixoto Ferreira (Jahrgang 1978). Der Biologe hat als seine Bevollmächtigte für die Wahl die Ökologin Heloísa Apolónia von den Grünen (Os verdes) benannt, womit die grün-ökologische Ausrichtung der Kommunisten in Portugal gefestigt wird. In den Umfragen mischt zur Zeit auch der faschistisch-populistische Kandidat und Frührer der Chega mit.

Landkreise unten und Links

Algarve links unten

Die Südspitze ist der Kreis Vila do Bispo mit den Gemeinden
Sagres, Vila do Bispo e Raposeira, Budens und Barão de São Miguel. In den 80er Jahren, als die antifaschistische Demokratische Bewegung mit der kommunistischen Partei verbündet war, hatte die Linksallianz die deutliche Mehrheit. Um die Jahrtausendwende erstarkte der konservative Block, heute dominieren die Sozialisten.

Die Gemeinde Vila do Bispo e Raposeira basiert traditionell auf Landwirtschaft, einst tendenziell Getreidekammer des Algarve, heute mit Schwerpunkt Fleisch. Gemüseanbau zur Selbstversorgung und Honig. Für den Tourismus ist Sagres der zentrale Ort in der Municipia.

Nördlich schließt der Kreis Aljezur an mit den Gemeinden Aljezur, südlich davon Bordeira, Rogil und Odeceixe. Hier löste die Sozialistische Partei PS das Linksbündnis unmittelbar nach derem Auseinanderbrechen ab. In beiden Kreisen sind auch bei den Parlamentswahlen die Kommunisten inzwischen ohne Bedeutung, der Linksblock BE legt langsam zu.

In den meisten Gemeinden spielt sich die Landwirtschaft in den Auen der Täler ab. Die Flüsse Seixe, Grenzfluss im Norden zum Alentejo, Ribeira de Aljezur, Ribeira da Carrapateira und Reibera da Bordeira führen auch in der Trockenzeit noch Wasser. Mais, Süßkartoffel und Erdnüsse spielen eine Rolle. Aljezur beherbergt das 1977 gegründete Touri-Zentrum Vale da Telha.

Alentejo unten links

Im Landkreis Odemira, dem größten des Landes, liegen nur drei der 14 Gemeinden an der Küste, nämlich Sao Teotonio, Longueira/Almograve und Vila Nova de Milfontes. Auch hier verlor die Linke im Jahr 1997 ihre Mehrheit an die Sozialisten.


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São Teotónio ist die größte Gemeinde von Cavaleiro im Norden bis São Miguel im Süden. Neben einiger Kleinindustrie-Unternehmen und Tourismus spielen Land- , Forst- und Fischwirtschaft eine wesentliche Rolle. Longueira/Almograve ist eine Restgemeinde mit Tourismus, die Land- und Fischwirtschaft wird von großflächigen Folientunneln beherrscht. Vila Nova de Milfontes nennt Tourismus, Handel und Dienstleistung als Hauptwirtschaftszweig neben Landwirtschaft und Bau.

Chef Kiko Martins

Das online Nachrichtenportal Noticias ao Minuto hat (fast) täglich ein ausführliches Interview mit Prommis, die etwas zu sagen haben. So stellt am 2. Dezember der preisgekrönte Koch Kiko Martins sein online Restaurant auf UberEats vor: ein virtuelles Restaurant für frische, gesunde Kost statt labberigen Fastfoods. Kiko Martins präsentiert sich als Autor und TV-Koch unter dem Namen Chef Kiko. Er engagiert sich aus politischer Überzeugung gegen soziale Ungerechtigkeit.

12 Jahre Schulpflicht

Reiner Wandler berichtet für die taz aus Madrid über Portugal. In der taz von heute einen Hintergrund über das Bildungssystem. Wie hat es das Land von 45% Analphabeten im Jahr 1974 in die Spitze der OECD-Länder gebracht? Quellen seiner Recherche sind Andreas Schleicher von der Pisa-Studie der OECD und Zitate von Bildungsminister Tiago Brandão Rodrigues. Woher die Zitate genau stammen, verrät Wandler uns nicht.

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